Donald T. und das „postfaktische“ Zeitalter.

November 9th, 2016

Allenthalben ist zu lesen, wir lebten im „postfaktischen“ Zeitalter. Anders wäre die Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA oder auch die Wahlergebnisse der AfD in Deutschland nicht zu erklären. Es ginge um „gefühlte“ Wahrheiten statt Fakten. Daher sei der Wähler auch der Aufklärung durch Medien und seriöse Politiker nicht zugänglich.

Ich halte diese „Erklärung“ nicht nur für falsch, sondern auch für hochgradig arrogant. Sie ist damit eher Teil des Problems als Teil der Lösung. Nur, um nicht missverstanden zu werden: ich stehe weder der AfD nahe, noch käme ich je auf den Gedanken, sie zu wählen. Die Wahl Trumps zum Präsidenten der USA halte ich sogar für eine der größten Katastrophen dieses, zugegebenermaßen noch jungen, Jahrhunderts.

Wir stellen also fest, dass große Teile der wahlberechtigten Bevölkerung Parteien und Personen wählen, die auf den ersten Blick (und auch auf den zweiten und dritten), einen irrationalen Eindruck machen. Die Wahlergebnisse sind dazu geeignet, das bisherige Demokratieverständnis in frage zu stellen und an der Vernunft der Wähler zu zweifeln. Komplexe Probleme sollen mit einfachsten Mitteln gelöst werden, Solidarität wird aufgekündigt und bei näherer Analyse der Wahlprogramme, so sie denn vorhanden, lässt sich feststellen, dass dort gegen die eigenen Interessen gewählt wurde. Rationalität sieht anders aus.

Monatelang hat sich in der Presse, im Internet und im Fernsehen nahezu jeder lustig gemacht über die Rüpelhaftigkeit und Unwählbarkeit eines Donald Trump. Ähnlich – nur über einen längeren Zeitraum – verhielt es sich mit der AfD. Nur, um am Ende festzustellen, dass die Anzahl der Stimmen eher gestiegen als gesunken ist. Trotzreaktion?

Ein Erklärungsmodell versucht es mit dem Hinweis auf die Faktenresistenz der Bürger. Einfacher ausgedrückt: Der Wähler ist halt doof. Er „fühlt“ Probleme, wo keine sind. Die Fakten würden eine andere Sprache sprechen. Wenn wir also nur genügend Aufklärung betreiben, wird sich das schon ändern. Ansonsten könne man auch auf Diskussionen verzichten. Wer keinem rationalen Argument zugänglich ist, ist eben verloren.

Dieses Modell halte ich persönlich für unsäglich blöd. Es führt direkt in den Abgrund. Wie wäre es statt dessen einmal damit, die Menschen ernst zu nehmen?

Wenn wir im „postfaktischen“ Zeitalter leben würden, würde dies bedeuten, dass die Abgrenzung ein vorhergehendes „faktisches“ Zeitalter war. Ist das so? Wenn ja, kann ich verstehen, dass man DARAUF gern verzichtet. Wir haben die Umwelt des Planeten zugrunde gerichtet. Dass die große Katastrophe nicht mehr abgewendet werden kann, ist mittlerweile Konsens. Es geht nur noch darum, die Folgen zu begrenzen (2-Grad-Ziel). Ist das, was wir als Gesellschaft und als Individuum hier angerichtet haben, rational? Nun, zumindest ist es das Ergebnis wissenschaftlicher Forschung, technologischer und wirtschaftlicher Entwicklung.

Weiterhin haben wir ein Atomwaffenarsenal angehäuft, dass diesen Planeten mehrfach in die Luft sprengen kann. Diese Perversion haben wir dann Abschreckungs“logik“ genannt. Ein Logik, der man eigentlich nur als Psychopath folgen kann. Selbst, wenn wir es gern vergessen: Das meiste davon steht noch in der Landschaft herum (bzw. in Silos, Atom-UBooten etc.). Wir sind bald 30 Jahre nach dem Kalten Krieg nicht in der Lage, das Zeug loszuwerden. Und um das Thema abzurunden bleibt noch die weitere Erkenntnis, dass wir auch mit der zivilen Atomkraft Geister gerufen haben, die wir nicht mehr loswerden. Ist es Ausdruck eines rational-faktischen Zeitalters, eine Technologie zu schaffen, deren hochgefährliche Hinterlassenschaften 10.000 Jahre sicher aufbewahrt werden müssten? Wir würden uns bedanken, müssten wir heute noch mit tödlichen Gefahren hantieren, die uns eine Gesellschaft von 8.000 vor Christi Geburt aufgebürdet hat. Aber wir finden das offenbar handhabbar.

Wir haben die Art unseres Zusammenlebens, die Gesellschaftspolitik, den Philosophen aus der Hand genommen und den Wirtschafts-„wissenschaften“ in den Schoß gelegt. Über die Perversion des Neoliberalismus könnte man sich bücherweise auslassen. Das haben andere zur Genüge getan. Dass dieses Theoriemodell, man könnte auch sagen: diese Ideologie nur schwer bis gar nicht mit „echter“ Demokratie zusammenpasst, ist auch ein Aspekt des „faktischen“ Zeitalters. Nahezu alle Politiker laufen dieser Ideologie unhinterfragt hinterher. Dabei wird vergessen, dass es die Aufgabe der Wirtschaft war, die Bevölkerung mit Gütern zu versorgen. Und nicht etwa, Bevölkerungen (und Bevölkerungsteile) gegeneinander auszuspielen für den Profi einiger weniger.

Und diese Liste ließe sich endlos fortsetzen. Von der Widersinnigkeit „christlicher“ Parteien in einer säkularisierten Gesellschaft, die die Trennung von Kirche und Staat festgeschrieben hat, über das „unchristliche“ Verhalten nahezu aller (!!) Vertreter dieser Partei, über den Verrat der eigenen Wählerschaft durch die Sozialdemokratie (im übrigen europaweit) bis hin zu Fragen der „political correctness“, bei der wir trotz anders lautenden Verfassungsgrundsätzen, eine Zensur in unseren Köpfen vornehmen.

Wir erleben eine Gängelung und Ausbeutung der Mittelschicht – in Europa wie in den USA, bei gleichzeitiger Rettung von Banken, die bei genauem Hinsehen nichts Anderes sind als Verbrechervereine. Deren Raub wird nicht nur legalisiert, sondern auch noch mit Steuermitteln – also dem Geld, dass die Mittelschicht erwirtschaftet – subventioniert.

In dieses Ausbeutungs- und Betrugsmodell fallen dann auch die VW-Affäre, wo wieder einmal deutlich wurde, dass z.B. deutsche Minister ihre Aufgabe eher im Schutz der Reichen als in der Wahrung der Interessen der „Normalbürger“ gesehen haben, sowie viele, viele andere (ttip, monsanto usw. usf.).

Das gesamte neoliberale Globalisierungs-Ausbeutungsmodell basiert darauf: Wettbewerb der Bürger und Staaten untereinander, Ausbeutung der Naturreserven und Verschleierung der Zusammenhänge. In Ansätzen ist das schon bei Marx nachzulesen. Nur anders als bei Marx kann man konstatieren, dass sich die Ausbeutungsverhältnisse globalisiert haben. Geändert haben sie sich im Grunde genommen seit Jahrhunderten nicht. Das Prinzip: Einige wenige leben von dem, was viele produzieren war bereits die Grundlage der Feudalgesellschaft.

Demokratie war einmal angetreten, diese Ungerechtigkeiten zu beseitigen. An dieses „Versprechen“ glauben offensichtlich immer weniger Menschen. Und das ist tatsächlich eine „Gefühlsfrage“. Fakt ist, dass die Menschen heute mehr Güter und Dienstleistungen zur Verfügung haben als im Mittelalter, dass sie älter werden und gesünder leben. Aber die Relation hat sich durch den „Fahrstuhleffekt“ eben nicht verändert. Das eigentlich verwunderliche ist also nicht die Auflehnung der Bevölkerung gegen diese „gefühlte“ Unterdrückung. Das eigentlich verwunderliche ist, dass die linken Parteien diese Unzufriedenheit nicht durch Aufklärung kanalisiert haben. DAS die Menschen von diesem System irgendwann „die Schnauze voll haben“ werden, ist seit Marxens Analysen klar. Das einzige „postfaktische“ Element, dass ich hier erkennen kann, ist, dass die Anbieter einfacher Lösungen eben gar keine Lösungen haben. Sie werden das Problem noch verschärfen. DAS ist das eigentlich katastrophale Element. Dass die „bürgerlichen“ Parteien versagen, ist zu erwarten gewesen. Dass die linken Parteien versagen, überrascht bei genauerem Hinsehen leider auch nicht. Dass die rechten Parteien und Populisten zu einer Problemverschärfung führen werden, ist abzusehen.

Nur werden wir das nicht auflösen, indem wir Wählerbeschimpfung betreiben. Ein wenig Demut täte gut. All unsere Wissenschaft, all unsere Erkenntnisse haben nicht verhindert, dass wir am Abgrund stehen. Im Gegenteil. Also sollten wir jetzt nicht so arrogant sein und so tun, als würden wir mit den Methoden der Vergangenheit die Zukunft retten können. Offensichtlich hat unser ach so objektives System dazu geführt, dass wir keine Wahrheiten mehr erkennen. „Anything goes“ als Losung der Postmoderne, die auch schon wieder vorüber ist.

Wir haben ein entsolidarisiertes Gesellschaftsmodell erschaffen. Familienzusammenhalte, Freundschaften, den Ausblick auf eine bessere Zukunft dem Profit einiger Eliten geopfert. Früher wollten Eltern, dass es den Kindern mal besser geht als ihnen selbst. Heute wäre es schon ein Fortschritt, wenn sie das Niveau hielten. Frustration bleibt da nicht aus.

Haben wir vergessen, dass die Abstiegsängste der Mittelschicht zur Wahl der NSDAP geführt haben? Das wäre doch mal ein Faktum, das Beachtung verdiente: Die Ängste der Menschen ernst zu nehmen. Diese Ängste sind längst nicht mehr irrational. Wer nicht mehr weiß, woher er das Geld für die (steigenden) Mieten nehmen soll, den interessiert eine Debatte über ein „drittes Geschlecht“ und die daran anschließende Frage, ob diese dann eigene Toiletten im öffentlichen Raum brauchen, wenig bis gar nicht.

Wer ansatzweise rational denkt, wird sehen, dass das Rentensystem vor dem Zusammenbruch steht. Und wer sich informiert, weiß, dass das seit Jahrzehnten absehbar war. Früher haben die Menschen protestiert, wenn sie den „Zehnten“ als Steuerlast abgeben mussten. Heute ist man froh, wenn am Ende des Monats diese 10% übrig wären. Und trotzdem akzeptiert unser politisches System eine wachsende Staatsverschuldung. Was für eine Rationalität ist es, wenn die Absenkung der „Neuverschuldung“ als Erfolg gefeiert wird? Wenn meine private Haushaltsplanung nur dann aufginge, wenn ich jedes Jahr mehr Kredite aufnehme, würde mich jeder für irrational halten. Wenn ich dann noch meinte, dass ich erfolgreich wäre, weil ich dieses Jahr weniger neue Kredite brauche als letztes Jahr, würde ich wohl in die Psychiatrie eingewiesen. Dieses geisteskranke Steuersystem ist also symptomatisch für das faktische Zeitalter?

Und dann wundern wir uns, dass die Bürger nicht mehr mitspielen wollen? Fakt ist, dass die Antworten nicht so komplex sind, wie wir uns gern vorlügen. Wir verstecken unser „Nicht-Handeln“ gern unter dem Deckmantel der Komplexität. Manches muss man einfach tun. Zuhören zum Beispiel. Reden. Ernst nehmen. Entscheidungen unter der Frage „Nutzt es den Menschen“? zu treffen. Aber auch konsequentes Handeln. Wie genau dieses weiterentwickelte Demokratiemodell aussehen kann, weiß ich derzeit nicht zu sagen. Nur muss es zu einem Modell werden, dass nicht länger die Eliten bevorzugt.

Ken Jebsen, KenFM und das Paris-Attentat.

November 18th, 2015

Worum geht es: Auf KenFM versucht Ken Jebsen die Attentate von Paris als möglicherweise staatlich organisierten Terror gegen die eigene Bevölkerung darzustellen. Diesen Versuch kann man krankhaft oder geschmacklos finden.

Aufgrund der unerträglichen Äußerungen von Ken Jebsen zu den Anschlägen in Paris, habe ich mal einen „Gegentest“ entworfen. Leider kann ich den NICHT auf KenFM posten. Ich vermute mal, dass ich dort seit meinem „offenen Brief an Ken Jebsen“ geblockt bin. Sooooviel freie Meinungsäußerung will er dann offenbar doch nicht .

  1. Handelt es sich um eine Darstellung, die den offiziellen und/oder wissenschaftlich gesicherten Darstellungen widerspricht? Addiere 1 Punkt.
  2. Handelt es sich bei der argumentierenden Person NICHT um einen Regierungsvertreter, Vertreter der „traditionellen“ Medien, „anerkannten“ Wissenschaften? Addiere 1 Punkt.
  3. Findet die Darstellung außerhalb eines Mehraugenprinzips (Redaktion, Peer-Reviewed Journal o.ä.) statt sondern im Selbstverlag, auf einem eigenen Blog usw.? Addiere 1 Punkt.
  4. Ist die Darstellung geeignet, dass Vertrauen in die eigenen „Werte“, den eigenen Staat, das eigene System zu erschüttern? Addiere 1 Punkt.
  5. Bleibt eine konkrete, belegbare Beweisführung offen (Geheimdokumente, inoffizielle Interviews)? Addiere 1 Punkt.
  6. Wird statt dessen erwartet, dass die ANDERE Seite IHRE Darstellungen beweist? Addiere 1 Punkt.
  7. Ist der Autor in irgendeiner Form verbunden mit möglichen „Gegeninteressen“ (z.B. Mitglied der NPD bei antisemitischen Darstellungen, arabischer Abstammung bei pro-islamistischen Darstellungen, Mitglied eines russischen Fernsehsenders bei pro-russischen Darstellungen, US-Amerikaner bei pro-amerikanischen Darstellungen, Redner bei Pegida usw.)? Addiere 1 Punkt.
  8. Werden die traditionellen / offiziellen Nachrichtenwege diffamiert („Lügenpresse“, gekaufte Journalisten)? Addiere 1 Punkt.
  9. Wird jede Aktion solange argumentativ bearbeitet, bis am Ende das Weltjudentum, die USA (und dort das Finanzjudentum) schuld sind: Addiere 1 antisemitischen Verschwörungstheorie Extrapunkt.

Ab 5 Punkten kannst du davon ausgehen, dass es sich um Propaganda handelt, deren einziges Ziel die Unterwanderung deines Wertesystems ist.

Ab 8 Punkten kannst du davon ausgehen, dass es sich um Volksverhetzung handelt.

Bei 9 Punkten kannst du davon ausgehen, dass der Autor Ken Jebsen heißt.

Das Auto? Der Betrug! Anmerkungen zum Volkswagen-Skandal.

September 26th, 2015

Worum geht es? Der Volkswagen-Konzern hat offenbar sowohl in den USA als auch in der EU (und ggfs. auch anderweitig) Diesel-PKW verkauft, die aus verschiedenerlei Gründen die aktuell gültigen Umweltauflagen (Abgasnormen) im „Normalverkehr“ nicht einhalten und, damit das nicht auffällt, in diese Fahrzeuge eine Software eingebaut, die behördliche Tests erkennt und dann die Abgaswerte so anpasst, dass die Werte regelkonform sind.

Was sind die Folgen? Zunächst einmal direkt für den VW-Konzern eine drohende Strafgeldzahlung allein in den USA in Höhe von 18 Mrd. Dollar. Dazu könnten weitere Prozeßkosten und Strafgeldzahlungen in anderen Ländern kommen, sowie Schadenersatzforderungen der PKW-Besitzer. Geht man von ca. 1000 Euro „Umbaukosten“ pro PKW aus, reden wir hier ebenfalls über eine zweistellige Milliardensumme. „Nebenbei“ ist der Aktienkurs eingebrochen. Dort wurden binnen weniger Tage ebenfalls zweistellige Milliardensummen verbrannt. Im Worst Case macht das die Gewinnsumme von drei Jahren in Folge aus. Nicht mitgerechnet die Tatsache, dass die Verkäufe einbrechen, bereits produzierte Fahrzeuge nicht verkaufbar sind usw.

Interessant, dass jetzt Versuche zunehmen, die VW-„Affäre“ klein zu reden. Ist ja „nur“ Abgas und alle anderen machen das auch. Es geht hier in meinen Augen um nichts anderes als um gewerbsmäßigen und organisierten Betrug. Mithin ein Straftatbestand. Das kann man schlimm finden, oder auch nicht. Fakt bleibt jedoch, dass 11 Millionen Käufer weltweit betrogen worden sind, Gesetze gebrochen wurden usw. Und wozu? Um eine offenbar nicht mehr zukunftstaugliche Technik am Markt zu halten. Damit hat man den Bürgern, der Umwelt und den Mitbewerbern geschadet.

Die Tatsache, dass andere Hersteller evtl. ähnlich tricksen, macht es nicht besser. In einer Bande von Kriminellen bleibt auch der Einzelne immer ein Krimineller. So wurde die gesamte Branche in Verruf gebracht. Das geht derzeit zu Lasten der Aktionäre, später sicherlich auch zu Lasten der Mitarbeiter. Die Milliarden müssen ja irgendwo eingespart werden. Und wer weiß, ob es am Ende dann nicht ein „Rettungspaket“ für VW gibt. Der Konzern ist ja noch immer „teil-staatlich“ und aufgrund der hohen Anzahl an Mitarbeitern zumindest in Norddeutschland „systemrelevant“. Dann geht es wieder zu Lasten des Steuerzahlers.

Derweil fahren die 11 Millionen Autos weiter, die so nicht zulassungsfähig gewesen wären. Daran hat die Umwelt noch ein paar Jahrzehnte „Freude“. Hier ist als UNSERE Umwelt, UNSER Steuergeld, UNSERE Aktien (sofern man welchhe hat) usw. usf. vernichtet worden für die nächste Quartalszahl von Managern mit mehrstelligen Millionengehältern.

Tja, Herr Winterkorn geht jetzt mit 68 in den Ruhestand – und kassiert voraussichtlich noch 28 Millionen Euro Abfindung. Wäre die Welt gerecht, würde er vollständig enteignet, jeglicher Besitz gepfändet und er würde für ein paar Jahre ins Gefängnis wandern…. Ich weiß, ich weiß, man kann keine direkte Beteiligung nachweisen…. Das war bei Al Capone damals auch so.

Pegida – Europa geht anders! Ist aber auch egal…

Dezember 15th, 2014

Mehrere deutsche Ministerpräsidenten behaupten, man müsse die Ängste der Bürger, die unter dem „Label“ Pegida marschieren ernst nehmen. Ist das so? Oder ist das der übliche Populismus, der vom eigenen Versagen ablenken will? (Schließlich muss ja „irgendjemand“ für die politische Situation gesorgt haben, in der Menschen gegen etwas demonstrieren wollen.)

Pegida – die Abkürzung für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ – klingt für mich eher nach Hundefutter. Vom Klang des „Namens“ hätte man es klüger anstellen können. Aber darum soll es im Folgenden gar nicht gehen. Beschäftigen wir uns lieber mit dem vollen Namen der „Initiative“.

Betrachten wir zunächst mal die einzelnen Begriffe. Kann man ein „patriotischer Europäer“ sein? Patriotismus bezeichnet im eigentlichen Sinne die Verbundenheit oder sogar die Liebe zur eigenen Nation. Wie wir alle wissen, ist „Europa“ jedoch gar kein einheitlicher Nationalstaat. Solange es also nicht die „Vereinigten Staaten von Europa“ gibt, kann man gar kein europäischer Patriot sein. Und sein wir ehrlich: Die dort marschieren sind Deutsche. Ich glaube nicht, dass die allesamt Befürworter des Euros und des „Rettungsschirms“ für Griechenland sind. Ich glaube auch nicht, dass diese Menschen es gutheißen würden, wenn in Ihrer Nachbarschaft auf einmal 25% Portugiesen leben würden. Oder Sizilianer, Jugoslawen oder…. gehören die nicht zu Europa? Meint der „Patriotismus“ vielleicht doch etwas anderes?

Naja, zumindest sind die „gegen“ etwas. Warum eigentlich nicht positiv mal „für“ etwas sein? Zum Beispiel „für Demokratie“, „für Menschenrechte“, für Solidarität, Toleranz, Offenheit… Nein, es muss „gegen“ sein… Naja, typisch deutsch… Aber, nein. Es sind ja „patriotische Europäer“…. Nun gut, am „deutschen Wesen“ musste Europa schon zweimal genesen….

Wogegen ist man den nun: Gegen die US-Amerikanische Folterpraxis, gegen die russische Expansion, gegen die chinesische Umweltverschmutzung? Von der Logik her müsste es ja der „Nationalstaat“ Europa (den es nicht gibt, wie wir bereits festgestellt haben) gegen einen anderen Nationalstaat sein. Aber nein: Es geht gegen die „Islamisierung“. Also nicht den „Islam“, sondern „Islamisierung“ – also ein Prozess, eine Veränderung. Nicht der status quo. Wenn man sich gegen jegliche Verblödung durch Religion wenden würde, wäre das ja durchaus sympathisch. Aber nein Christen, Juden, Buddhisten, Scientology und Baghwan-Jünger können tun und lassen, was sie wollen. Nur eben nicht die Moslems. Also „mehr werden“ darf nicht sein. Der bisherige Zustand müsste demzufolge OK sein. Also Bestandsschutz für alle Moscheen? Kann man das schriftlich haben? Oder werden doch wieder Asylantenheime abgefackelt? Aber Moment? Was haben DIE denn mit Moscheen zu tun?

Aber trotzdem: ENDLICH steht Europa auf und setzt ein Zeichen gegen ISIS! Super! Die europäischen Werte werden verteidigt. Die Aufklärung im kantschen Sinne in die Welt getragen. Toll!

Ach nein, man ist „nur“ gegen die Islamisierung des Abendlandes…. Christliche Kreuzzüge waren super, christliche „Missionierung“ mit Schwert und Kanone in Südamerika auch. Und überhaupt „Abendland“. Muss man gleich an Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ denken. Der gute war depressiv und hat – soweit mich meine Erinnerung nicht trügt – Probleme mit Frauen gehabt. (Das eine bedingte vermutlich das andere). Und jetzt geht’s halt schon wieder den Bach runter. Meinen jedenfalls alle diejenigen, die da marschieren. Oder haben die vielleicht auch einfach nur nicht genug Sex?

Und „Islamisierung Afrikas“ ist vollkommen OK? Oder egal? Hauptsache die Flüchtlinge bleiben weg. DARUM geht es. Um das Nichtbegreifen, wie der europäische (und us-amerikanische) Wohlstand auf der Ausbeutung der armen Länder basiert. Woher kommen wohl all die Rohstoffe für die tollen Handy usw.? Bestimmt nicht aus Dänemark oder Andorra.

Im Grunde genommen soll sich nichts ändern. Uns unseren Wohlstand, euch eure Armut. Und zu Weihnachten wird gespendet für das gute Gefühl. Und am Wochenende nach 5 Bier über die Entwicklungshilfe gelästert. Und wenn’s gar zu arg wird, zündet man danach noch ein Asylantenwohnheim an. Tradition muss sein.

Ob das jetzt „Nazis in Nadelstreifen“ sind oder „Deppen in Duschumhängen“, ist sekundär. Auch, dass die „sauberen“ Organisatoren Karrieren als Einbrecher und Ladendiebe hinter sich haben, mag sich mit „europäischen Werten“ beißen. Aber in Wirklichkeit geht es hier wohl eher um „Modernisierungsverlierer“ – also diejenigen, die für die Weiterexistenz der Gesellschaft im Grunde genommen überflüssig sind, weil sie sich nicht anpassen können, nicht schritthalten und somit zum „Alteisen“ gehören – also auf den Schrott….

Und wieso überhaupt „europäisch“? Europa vs. Islam? Oder eher „Christentum“ vs. Islam (wäre jedenfalls von der Begrifflichkeit her logischer. Oder doch eher „Europa“ gegen den Nahen Osten/Afrika? Oder den Rest der Welt? Außer USA, versteht sich. Bis auf die Bank-Juden…. Gegen die ist man natürlich auch.

Dahinter steckt nach meiner Meinung jedenfalls nicht viel mehr als die kleinbürgerliche Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit. Leute wacht endlich auf! Diejenigen, die euch ausbeuten sind Schuld daran, dass es in großen Teilen der Welt den Bach runter geht. Habt ihr wirklich geglaubt, dass das ewig so weitergeht? Habt ihr wirklich geglaubt, dass 7 Milliarden Menschen sich von ein paar Millionen unterdrücken lassen? Auf ewig? Bevölkerungswachstum, Klimawandel und technologischer Fortschritt werden dies massiv beschleunigen.

Wenn sich Europa nicht schnellstens auf die ECHTEN europäischen Werte besinnt und eine Alternative zu bieten hat, wird es tatsächlich untergehen. Nicht an der Islamisierung sondern an der eigenen Dummheit. DAS ist die eigentliche Bedrohung Europas: Die Vermehrung der Dummheit in Europa. VEGE_DIVE wäre also eine echte Initiative. Vereinigtes Europa gegen die Verdummung. Aber nein, schon wieder „gegen“.

VEFADUS – Vereinigtes Europa für anhaltende Aufklärung und Solidarität.

Egal – solange wir nicht zeigen können, warum es sich lohnt, „Europa“ als Idee zu verstehen, solange wir nicht selbst daran glauben, dass „Einigkeit und Recht und Freiheit“ des MENSCHEN Recht sind – egal wo und woher – solange bleiben wir verlogen.

Für Verlogenheit gibt es in der jüngsten Vergangenheit nur zu viele Beispiele. Siehe den Folterbericht der CIA. Wer marschiert jetzt in die USA ein zur Durchsetzung der Menschenrechte. Bevor wir gegen andere Glaubensrichtungen marschieren sollten wir lieber FÜR unsere eigenen aufstehen.

Europa und seine Werte sind so viel mehr als diese Kleingeister je begreifen werden.

Und auch viel weniger. China ist über Jahrtausende die führende Leitkultur gewesen. Das haben wir Europäer nur nicht gemerkt. Weil wir so mit uns selbst beschäftigt waren. Jetzt gab es ein paar Jahrzehnte US-Amerikanischer Dominanz. Und schwupps, werden sie von China überholt. Mindestens die nächsten Jahrhunderte werden wieder chinesisch geprägt sein.

Der „Konflikt“ Christen vs. Moslems ist in „Wirklichkeit“ vollkommen bedeutungslos. Er wird in den Geschichtsbüchern kommender Jahrhunderte höchstens 2-3 Seiten füllen.

Nehmt euch also nicht zu ernst! Ihr seid unwichtig! Macht stattdessen etwas Sinnvolles.

Vielleicht mal das Tao Te King lesen? Oder chinesisch lernen.

 

Freude durch Kraft? Selbstverwirklichung durch Liegestütze bei Veit Lindau…

Dezember 15th, 2014

Der „moderne Mystiker“ Veit Lindau (er über sich selbst….) bringt 750 Menschen dazu, sich auf Befehl nach links, rechts, vorn und hinten zu drehen, Stühle im Akkord zu stapeln und gemeinsam massenhaft Liegestütze zu machen…. Das ist also die Anregung, die mein Gehirn dazu bringen soll, mehr als 10% seiner Kapazität zu nutzen? Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter, während die Stimmung im Raum immer, sagen wir, ekstatischer wird.

Wer denkt dabei an faschistoide Experimente? Ich.

Wer denkt dabei, sich als „Individuum“ mit seiner Selbstverwirklichung zu befassen? Die restlichen 749 Spiridioten….

Der Teacher, Speaker, Autor (er über sich selbst…) erwähnt (vermeintliche) Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft, um seine Thesen zu untermauern, bleibt aber im Ungefähren – nicht ein seriöses Zitat wird diesen Abend verderben, nicht eine „echte“ Studie zitiert. Präzise Zahlen? Höchstens der Preis auf der Eintrittskarte. Ob Professor Hüther weiß, dass seine Arbeiten für Liegestützenesoterik „genutzt“ werden? Auch Watzlawick und Kant werden verwurstet. Dr. Pero Micic darf den Pausenclown geben. Ein recht banaler Vortrag über Zukunftsmanagement dient offenbar nur dazu, der Hauptveranstaltung einen seriösen Anstrich zu geben. Ein innerer Zusammenhang ist nicht erkennbar, Fragen weden von dem „achtsamen Businesspunk“ (er über sich selbst…), gar nicht erst zugelassen. So merkt Micic offenbar nicht, dass auch er vom Veranstalter gef***t wird….

Apropos Achtsamkeit: Im hinteren Teil des Raumes bricht eine offenbar tief depressive Frau mit Baby auf dem Arm zweimal hysterisch in Tränen aus. Wenn sich nicht eine andere Teilnehmerin um sie gesorgt hätte, wer weiß, wohin das geführt hätte… Aber so etwas wird natürlich vom Veranstalter, dem Cultural Provocateur (er über sich selbst…) nicht wahrgenommen. Würde ja den positiven Flow hindern. Happy People und Depression gehen halt nicht zusammen.

Banale Erkenntnisse und Zitate, gefolgt von esoterischen Stilblüten, gipfeln im buchstäblichen Herunterlassen der Hose vor dem zumeist weiblichen Publikum. Sie sind begeistert, kreischen, johlen, klatschen. Darunter Personen, die sich seit 15 Jahren mit allem befassen, was der Selbstverwirklichungs-Eso-Markt hergibt… Und die offenbar immer noch nicht angekommen sind, trotz aller Instant (!!) Glücksversprechen. Und darin auch gar keinen Widerspruch erkennen. Seele, Geist, Gehirn: Alles eins. Keine Differenzierung. Man muss ja gar nicht anfangen, über die unterschiedlichen Definitionen des Menschseins bei Kant und bei Hegel zu diskutieren. Aber es könnte helfen, Grundkenntnisse in Philosophie zu haben.

Diverse „Übungen“, in denen man Geheimnisse offenbaren oder das Gegnüber als Comicheld oder Tier beschreiben soll… Ich höre Dinge, die ich nie hören wollte. Etwa, dass mein Gegenüber sagt, dass er erschossen würde, wenn er sein Innerstes selbst ausleben würde, der nächste begeistert sich daran, dass er einen Ford Mondeo mit sparsamen Motor gekauft hat, die dritte meint, sie hätte viel Spaß an Sex und habe aufgehört, die Männer zu zählen.

Ist das die neue Elite? Ist das Human Rising? Hoffen wir es mal nicht. Wenn Mitarbeiter des Veranstalters als eigene Vision nicht mehr zu bieten haben, als „in diesem Dezember endlich einen weißen Ferrari zu fahren“ und das ganze Universum möge bitte dafür sorgen (für die Tagesmiete…?). Und weitere Mitarbeiter „voll Bock“ auf das Experiment: „Räumt alle Stühle in 7 Minuten“ zur Seite… ist Fremdschämen angebracht.

Für die Party am Abend soll man dann bitte auf einem Aufkleber ein Smiley malen, wenn man sich unterhalten will, ein B, wenn man Business-Talk möchte, ein Herzchen, wenn man auf Partnersuche ist und ein S, wenn man poppen will. DAS ist also der tiefere Sinn der modernen Sinnsuche? Veitstanz.

Zum Glück war ich nicht der einzige, dem dies wie ein Rheumadeckenverkauf für geistig Arme vorkam. Und dem beim rechts, links, Liegestützen die Assoziation kam, dass man diese Masse auch zum „Sieg H****“ rufen auffordern könnte und vermutlich die Mehrheit dem folgen würde.

Was folgt daraus? Heilpraktiker aus Ostdeutschland haben offenbar einen Weg gefunden, verlorenen Seelen viel Geld mit Banalitäten aus der Tasche zu ziehen. Der Club bringt rein rechnerisch 60.000 Euro im Monat, diese Abendveranstaltung allein 75.000 Euro (plus Getränkeverkauf, Bücher und CDs). Selbstverständlich kann man gegen Geld auch noch mehr Videos downloaden. Vielleicht auch gleich bis zum nächsten Tag bleiben? Dann gibt’s die zweite Veranstaltung. Der Umsatz allein dieses „Mystikers“ dürfte also mehrere Millionen Euro betragen. Nicht schlecht für jemanden, der nur die Ideen anderer zusammenfasst. Babysteps? Schon die alten Chinesen wussten, dass eine Reise von tausend Meilen mit einem Schritt beginnt. Mir ist es weder an diesem Abend, noch beim Lesen der 140-seitigen „Philosophie + Ethik“ des Unternehmens gelungen, einen einzigen originären Gedanken zu finden. Also einen, den nicht schon jemand anderes aufgeschrieben hätte.

Gutes Aussehen, wirksames Marketing, tolle Rhetorik und ein wenig Technik (Lichtanlage, Beschallung) bringen diesen Gedankenbrei aber für die meisten der Anwesenden überzeugend herrüber. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es bei mir nicht funkt. Das ich über Jahrzehnte mir angewöhnt habe selber zu denken. Dass ich weiß, dass ich auf den Schultern von Riesen stehe. Und mich das mit Demut erfüllt.

Warum der Bedarf bei den Anwesenden so groß ist, habe ich in anderen Artikeln schon zur Genüge erwähnt: Orientierungslosigkeit, Überforderung, Multioptionsgesellschaft, fehlende Bindungen zu Familie, Dorf, Kirche. Zusammenbruch von politischen Orientierungssystemen – 1945 mussten die Westdeutschen „lernen“ ohne Führer auszukommen, seit 1989 lernen die Ostdeutschen ohne SED auszukommen.

Aus alledem folgt ein Vertrauensverlust der „traditionellen“ Institutionen. Mittlerweile traut man jeder Institution jede Schweinerei zu. Jahrzehntelange Berieselung mit esoterischen Ideen führt zu zusätzlicher Verblödung. Plötzlich wird alles denkbar. Dazu kommt, dass es neben Schwarmintelligenz eben auch die Massenverdummung gibt. Menschenansammlungen waren schon immer manipulierbar.

Interessant auch, dass die Mehrheit der Anwesenden Selbständige waren. Eher Macher als Denker. Und daher sicher von „Halbwahrheiten“ schneller zu beeindrucken. Und sicher nicht die erfolgreichsten Unternehmer. Sondern die, die Wege aus ihrer finanziellen Misere suchen. Die, die in Arbeit absaufen, denen die Kreditlinie bis zum Hals steckt oder die, die sich wünschen nach 30 Jahren Tätigkeit im Familienunternehmen in dritter Generation endlich auch mal aus ihrem Dorf zu entkommen. „Wer nichts wird, wird Wirt“ – also will ich endlich etwas werden und brauche einen starken Führer, weil selber denken so anstrengend ist. Mit mehr Bildung und Werthaltung wären sie vielleicht von selbst darauf gekommen, dass schon alles da ist. Entweder in ihnen selbst oder in den alten Weisheitslehren. Das Tao Te King sei hier nur stellvertretend genannt.

Das ist aber so einfach, dass es vielen zu anstrengend ist. Denn man muss es umsetzen. Taten statt Konsum. Handeln statt Reden. (Ach ja, bei Lindau heißt das „walk the talk“ – aber die deutsche Sprache ist offenbar „uncool“. Vermutlich fällt es so nicht so schnell auf, dass man alte Binsenweisheiten und Sprichwörter neu verpackt, teuer verkauft).

Statt dessen also „Instant-Weisheiten“. Tütensuppe macht satt. Aber glücklich?

Die Teilnehmer hatten jedenfalls ihren Spaß – und ich auch den meinen, auf eine andere Art und Weise, aber dennoch.

 

Offener Brief an Ken Jebsen

Dezember 15th, 2014

Lieber Ken,

es tut mir leid. Es tut mir leid, dass Sie nach Jahren noch nicht ihr Trauma überwunden haben. Es muss hart sein, sich als „Top-Journalist“ zu fühlen und von den Kollegen hinausgeworfen zu werden, weil man die Mindestqualitätsstandards nicht erreicht hat. So muss sich ein Kreisligaspieler fühlen, der sich für einen Bundesligaspieler hält…

Wenn man wegen Volksverhetzung aus dem öffentlichen Diskurs entfernt wird, endet das oft im Knast. Da sind Sie nicht. Ärgert Sie das? Aber das kann ja noch werden, Sie müssen nur weitermachen.

Aber man kennt das aus anderen Situationen: Wirft einen der Arbeitgeber hinaus, wettert man öffentlich dagegen. Macht die Liebste Schluss, stellt man sie als Schlampe dar…. Enttäuschte Liebe kann schmerzhaft sein – und blind machen. Leider leiden viele in solchen Situationen an mangelnder Selbstreflexion. Sie sind dafür das Paradebeispiel.

Antisemitismus, islamistische Propaganda, Antiamerikanismus, Pro-Kommunismus – und ja, alles, was gegen westliche Werte, also Demokratie, Gleichberechtigung, freie Wahlen, Meinungsfreiheit usw. ist, ist in Ihren Augen ‚richtig’….

Selbstverständlich hat „der Westen“ seit langem einiges dafür getan, Zweifel zu berechtigen. Man kann jetzt auf die Geschichte hinweisen. Auf Belgien. Und den König. Der Afrika im letzten Jahrhundert massiv ausgebeutet hat und somit Millionen Menschen auf dem Gewissen hat. Auf Portugal und Spanien, die Südamerika geplündert haben, die Briten, die die Konzentrationslager in Afrika erfunden haben, auf die USA, die Ihren Reichtum auch der Sklaverei verdanken usw. usf. Und was? Es geht weiter, mit Kolonialismus, mit Ausbeutung, mit Kriegen.

Wir haben uns weiterentwickelt. Und entwickeln uns weiter. Und werden uns weiter entwickeln. Statt einzelne (jüdische) Banken zu verdächtigen, sollte man sich vielleicht mal mit Weltsystemtheorie befassen.

Nur werden wir nicht weiter kommen, wenn wir Ideologien unterstützen, die uns ins Mittelalter zurückwerfen. Wir werden nicht weiterkommen, wenn wir Staaten unterstützen, die sich nach dem Zustand der Großmacht-Barbarei zurücksehnen. Wir müsse uns rückbesinnen auf unsere Werte. Die Aufklärung ist dem Mittelalter überlegen. Wir müssen selbstbewusst genug sein, uns einzugestehen, dass Demokratie, Aufklärung, Freiheit und Selbstbestimmung den rückwärts gesinnten „Religionen“ überlegen sind. Fehler sind gemacht worden. Daraus kann man lernen. Am Ende, da bin ich überzeugter Hegelianer, ist die Geschichte zielgerichtet.

Und aktuell? Die Hamas feuert über 2800 Raketen (mittlere Reichweite 200 KM) in 14 Tagen auf Israel ab. Und Sie, lieber Ken, sprechen von ein paar „Raketchen“: Wenn es noch keiner gesagt haben sollte: Das ist menschenverachtender Zynismus. Dass die Hamas diese Raketen bewusst in Schulen und Kindergärten, in Krankenhäusern und Wohngebieten postiert, damit die zivilen Verluste hoch gehen, wird verschwiegen. Genauso, wie die Tatsache, dass Israel jeweils die Gebiete vorwarnt, damit die Bevölkerung genug Zeit hat, zu gehen…. Das vermeintliche Gut-Menschen in West-Euopa die Barbaren in Schutz nehmen, kann nur mit überbordendem Schuldgefühl und verklärter Sozialromantik erklärt werden. Und totaler Orientierungslosigkeit.

Wenn man (zuviel) Zeit hätte, könnte man jedes der Ken-Jebsen-Videos auseinandernehmen. Sinn machen die nur, wenn man an eine jüdisch-amerikanische Weltverschwörung glaubt. Deutsche Neo-Nazis tun das. Hitler glaubte auch daran. Ken Jebsen? Wohl auch. Was sagt das über ihn? Den Antisemitismus-Vorwurf haben Sie wiederholt abgestritten. Noch einmal: Kritik am Westen, Kritik an den USA, Israelkritik, Aufklärung: All das MUSS nicht nur erlaubt sein, sondern ist zwingend notwendig zur Weiterentwicklung. Kritik ist eine der Hauptfunktionen der Wissenschaft.

Vieles, was man so hören und lesen muss in Ihrem Umfeld, lieber Ken, von Webseiten über Montagsdemos, ließe auf absolut mangelnde Geschichtskenntnisse schließen. Nur weil man viel und schnell redet, entsteht der Eindruck von Kompetenz. Kompetenzsimulation ist aber nicht zu verwechseln mit echten Detailwissen. Aber Details stören selbstverständlich nur. Details, wie ein weitverzweigtes Tunnelsystem, das offenbar für Raketenbeschaffung und Guerilla-Einsätze genutzt wird, nicht aber zur Nahrungsversorgung. Details, wie die Herkunft der Raketen in der Ukraine, Details, wie das Frauenbild der Islamisten und deren Demokratieverständnis.

Aber das ist nur ein Beispiel von unzähligen. Sinn macht das nur mit einem kranken Weltbild. Es soll ja Menschen geben, die glauben, wir würden von Reptiloiden in Menschengestalt beherrscht…. DIE WELT IST KOMPLIZIERT. Und auch wieder nicht. Das eigentliche Problem sind die vielen, die dem eigenen Wertesystem nicht mehr vertrauen, die kein Glaubenssystem mehr auffängt und die keine oder nur wenig umfassende Bildung genossen haben – und daher simple Weltdeutungsmuster suchen. Die werden von Menschen wie Ihnen bedient. Orientierungslosigkeit hat schon einmal zum Zusammenbruch einer funktionierenden Demokratie in Deutschland geführt. Auch hier waren die Demagogen am Werk, die das eigene Wertesystem in den Schmutz gezogen haben. Goebbels ist von einem extrem ins andere gefallen, Hauptsache, die jüdisch-bürgerlich-demokratische Gesellschaft wird zerschlagen. Ist das Ihr Ziel? Die Wegbereitung für den islamischen Gottesstaat?

Neben dem Rauswurf als Journalist kommt hier eigentlich nur noch eins in Frage: Sie sind als Kind aufgrund ihrer “arabischen” Wurzeln auf dem Schulhof öfter geschubst worden, oder? Solche rassistischen Erlebnisse in der Kindheit können viel Schaden anrichten. Ich bitte stellvertretend für die Schubser um Verzeihung.

Ken lass’ uns in Ruhe mit dem Unsinn!! Öffentliche Therapien nutzen nichts. Sie müssen mit ihrer antidemokratischen Propaganda niemandem mehr schaden! Hören Sie auf damit.

Und wenn wir schon bei Verschwörungen sind: Wovon lebt ein Ken Jebsen eigentlich? Wer bezahlt die Verdrehung der Wahrheit?

Cui bono? DAS wäre doch die eigentlich spannende Frage: Kann man sich als „freier“ Journalist mit antiwestlicher Propaganda allein finanzieren – ich meine jetzt ohne Hartz IV? ich werde jetzt hier keine Mutmaßungen anstellen; die meisten können doch für sich selbst denken 😉

Nur kann man davon ausgehen, dass diejenigen, die dafür bezahlen, mit der Pressefreiheit im eigenen Gebiet ganz schnell kurzen Prozess machen.

 

der Wahrheit? Was soll das?

Dezember 15th, 2014

„Da klopft die Wahrheit an die Tür, und man sagt ihr: ‚Geh, ich warte auf die Wahrheit’, und dann geht sie eben. Eigenartig.“ (Pirsig, ZEN, S. 13).

Dieser Blog ist entstanden aufgrund einer Empörung. Zorn ist eine der wichtigsten Antriebsfedern menschlicher – und damit auch persönlicher – Entwicklung. Ohne Empörung würde es höchstwahrscheinlich selten zu Veränderungen im Denken und damit im Zusammenleben der Menschen kommen.

Ein wachsendes Gefühl der Unzufriedenheit – offenbar ein Massenphänomen. Viele Publikationen und Forschungen belegen allesamt, dass die Lebenszufriedenheit, insbesondere in Deutschland seit Jahren und Jahrzehnten sinkt.

Bücher boomen, die eine Lösung versprechen. Die ein Geheimnis aufdecken wollen, Prinzipien des Glücks aufzeigen und so weiter und so fort. Ist hier nicht Skepsis angesagt? Wie kann jemand, der die „Formel für Reichtum“ gefunden hat, es nötig haben, ein Buch darüber zu schreiben? Oder ist DAS vielleicht die „geheime Formel“: „Verarschung“ von Lesern für den schnellen Profit? Und vor allem: Warum ist „Reichtum“ die Basis für Glück? Ist es nicht so, dass in der Bibel steht: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass ein reicher Mann in den Himmel kommt? Und finden sich nicht viele, viele ähnliche Äußerungen in nahezu allen Büchern, denen man Weisheit zuschreibt (Tao Te King von Laotse, um das prominenteste Beispiel zu nennen)? Aber vielleicht ist ja auch „innerer“ Reichtum gemeint und der Titel nur bewusst reißerisch vom Marketing gewählt.

Vielleicht gibt es ja wirklich ein Prinzip, dass ich in den letzten dreißig Jahren übersehen oder nicht verstanden habe. Oder es gibt es vollkommen neues, dass die Philosophie der letzten 2000 Jahre nicht durchdacht hat. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die noch in keinem Magazin publiziert wurden oder eine spontane Erleuchtung, die weder Jesus, Buddha oder Laotse hatten. Warum sollte also ein kleiner Staubsaugervertreter aus der Schweiz nicht doch den Schlüssel zur Weisheit gefunden haben.

Mit jeder Seite, die ich las wuchs etwas in mir. Empörung! Es geht den Autoren offenbar nicht um Weisheit, nicht um Seelenfrieden, nicht um Erkenntnis oder Aufklärung. Nein, es geht tatsächlich um materiellen Wohlstand! Grundsätzlich ist gegen materiellen Wohlstand, wenn er auf Gerechtigkeit, Legalität und Legitimität basiert, wenig einzuwenden, aber als Lebensziel doch arg wenig. Diese Bücher schaffen keine Lösung, sie verschärfen das Problem.

Was mich in allererster Linie aber empört hat, ist die Tatsache, dass sie „echte“ Weisheitslehre mit kapitalistischer Propaganda verknüpfen, dass sie weiter machen in dem neoliberalen Denken „Jeder ist sich selbst der Nächste“ und nahe dran sind an sozialdarwinistischer Logik (Wer es nicht schafft, ist selber schuld: Survival of the Fittest!). Und damit im krassen Widerspruch stehen zu den Personen, die sie eifrig zitieren. Mit Jesus, Buddha und Laotse hat das überhaupt nichts mehr zu tun. Sie benutzen deren Lehren, um sie ins Gegenteil zu verkehren.

Dass sich diese Bücher wie geschnitten Brot verkaufen, zeigt, dass es ein Bedürfnis nach „mehr“ gibt. Zu beobachten, dass dieses Bedürfnis aber gefüttert wird mit „Anleitungen“, die in die komplett falsche Richtung weisen, muss empören.

Laotse sagt, dass der Weise schweigt, dass er sich nicht argumentierend einmischt. In diesem Sinne bin ich somit überhaupt nicht weise. Aber angesichts der Vergewaltigung der Weisheit kann man nicht Schweigen. Mit wehenden Fahnen dem Untergang entgegen? Wer in der Tradition der Aufklärung steht, kann das nicht tatenlos mit ansehen.

Dennoch: Ich werde ebenso versuchen aufzuzeigen, warum unser ach so modernes und aufgeklärtes System der Wissenschaften nicht zu mehr Glückseeligkeit geführt hat, warum die Dialektik der Aufklärung bedeutet, Gutes zu versuchen und das Böse zu wecken. In meinem Leben bin ich vielen Menschen begegnet, die nicht gelehrt waren und doch Weisheit besaßen. Und noch viel mehr bin ich Gelehrten und Professoren begegnet, die von Weisheit so weit entfernt waren wie eine Kuh vom Operngesang. Bildung kann also offenbar auch den Blick verstellen. Der Volksmund spricht nicht umsonst davon, dass jemand den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Wer sich in kleinteiligsten Hypothesen verliert und Wissenschaft für den Titelerwerb betreibt, wird den Blick auf das „big picture“, auf das Große-Ganze verlieren.

Trotzdem singe ich selbstverständlich nicht das Hohelied auf die Dummheit. Ich bin vielmehr der Überzeugung, dass Wissen Weisheit befördern KANN. Dass die Kenntnis bestimmter Denktraditionen, Argumente und Logiken zu neuen Kombinationen führen kann. Denn auch dies ist meine Haltung: Es gibt nichts neues unter der Sonne. Alles, was man wissen kann, wissen sollte und vielleicht sogar wissen muss, ist notwendigerweise bereits vorhanden. Wir müssen es lediglich entdecken und vielleicht neu kombinieren und unter dem Lichte der Gegenwart neu betrachten. Dabei geht es nicht um das Klein-Klein der wissenschaftlichen Diskussion. Im Grunde genommen ist es vollkommen egal, ob man diesen oder jenen Philosophen richtig, ganz genau richtig oder fast richtig usw. verstanden hat. Es geht um Ideen, die uns finden – und nicht umgekehrt. Wer sich in den Verästelungen von Fußnoten und Quellenangaben verliert, hat den Sinn des Unterfangens nicht verstanden.

Die Neubewertung von Fakten, also die Loslösung von Wertstarrheit, ist es, die Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen bringen kann. Dieses Buch stellt den Versuch dar, dies auszuprobieren – ohne den Anspruch auf letzte wissenschaftliche Korrektheit zu erheben, ohne Zahlen- und Faktenhuberei.

Inwieweit mir das gelungen ist, muss am Ende jeder selbst beurteilen. Vielleicht ziehen Sie ihre eigenen Schlüsse daraus. Im Idealfall hilft es Ihnen, ihren Weg zum Sinn zu finden.

Oder es empört Sie so, dass Sie einen eigenen Blog schreiben. Auch dann hätte ich mein Ziel erreicht.

„Metaphysik taugt nur etwas, wenn sie das tägliche Leben verbessert.“ (Pirsig, ZEN: 260).

 

Der aufrechte Gang

Dezember 15th, 2014

„Der physische Berg als Allegorie für den spirituellen, der zwischen jeder Seele und ihrem Ziel steht, ist ein naheliegendes, einleuchtendes Sinnbild. Wie die im Tal hinter uns, haben die meisten Menschen ihr Leben lang die spirituellen Berge vor Augen und setzen doch nie einen Fuß darauf, sondern begnügen sich damit, anderen zuzuhören, die oben gewesen sind, und ersparen sich so die Mühen. Manche gehen in Begleitung erfahrener Führer in die Berge, die den besten und gefahrlosesten Weg kennen, auf dem sie ans Ziel kommen können. Wieder andere, unerfahren und misstrauisch, versuchen lieber, selbst ihren Weg zu finden. Die meisten von ihnen müssen unterwegs aufgeben, aber es gibt auch welche, die es durch schiere Willenskraft und mit Glück und Gnade doch schaffen. Einmal oben angelangt, erkennen sie deutlicher als jeder der anderen, daß es nicht nur einen oder nur eine begrenzte Anzahl von Wegen gibt. Es gibt so viele Routen, wie es einzelne Seelen gibt.“ (Pirsig, ZEN, S. 197).

Bemühen kann man sich um vieles: um Erkenntnis, um Qualität, um die Wahrheit, die Liebe, um Reichtum und Macht und noch so manches mehr. Pirsig schreibt in seinem Buch, dass es ihm nicht um „neue Bewußtseinskanäle“ ginge, sondern um die Vertiefung der vorhandenen (S. 16). Anders ausgedrückt: Es ist alles schon da. Jegliche Möglichkeit und Erkenntnis ist in einem selbst angelegt. Man muss es nur sehen, fühlen und zulassen. Es geht also nicht um die Frage „Was gibt es Neues?“ sondern um „Was ist das Beste?“, also um Tiefe statt Breite.

Letzten Endes schauen wir alle irgendwann zurück auf unseren Lebensweg, fragen uns, was wir bislang erreicht haben, was aus unseren Träumen geworden ist und was man im Leben noch erreichen kann. Vielfach neigt man dazu, seine Biographie zu verklären, in dem man den Dingen einen Sinn gibt, einen Wert beimisst, von dem wir aber eigentlich nicht wissen können, ob es diesen tatsächlich hatte. Vieles von dem, was uns gestört, behindert, verletzt oder sogar geschadet hat, dient jetzt dazu, zu erklären, warum wir so geworden sind, wie wir sind. Aber wir wissen es nicht. Es gibt keine „gespeicherten Spielstände“ zu denen wir nochmal zurückkehren könnten um einen anderen Lösungsweg ausprobieren und uns dann zu entscheiden, welcher uns besser gefällt. Ich glaube nicht an das Schicksal. Ich bin überzeugt davon, dass wir unser Leben selbst gestalten. Wir haben kein Karma abzuarbeiten, keine höheren Mächte, die uns zu etwas zwingen.

Aber: Es gibt auch hier wieder die Erkenntnis, dass das Leben bestimmten Regeln gehorcht, die man akzeptieren kann oder an denen man sich „abarbeiten“ kann. Das heißt nicht, dass man sich fatalistisch mit allem abfinden muss. Aber es gibt Dinge, die ändern sich nicht, auch wenn ich dagegen bin. Lasse ich etwas los, fällt es herunter. Auch wenn ich mir tausendmal vornehme, dass beim nächsten Mal das Glas in der Luft schweben bleibt, wenn ich es loslasse, fällt es herunter. Wer wäre so dumm, sich darüber aufzuregen? Dennoch wird es im Leben erkennbare Muster geben. Ich bin überzeugt davon, dass, könnte man sein Leben nochmal leben, man sich in den allermeisten Fällen WIEDER so entscheiden würde, wie man es beim ersten mal getan hat. „Man schaut, wohin man geht und wo man ist, und nie kennt man sich aus, aber dann schaut man zurück auf den Weg, den man gekommen ist, und ein Grundmuster beginnt sich abzuzeichnen. Und wenn man von dieser Grundlage aus weiterbaut, dann wird vielleicht etwas daraus.“ (Pirsig, ZEN, S. 176). Rationalität, das ist das „Dumme“ an der Sache, führt dazu, dass das Leben zusammenhanglos und sinnlos, ja sogar belanglos erscheint: „Das ist der Geist der normalen alltäglichen Anschauung, der erklärt, daß der letzte Zweck des Lebens, der darin besteht, am Leben zu bleiben, zwar unmöglich zu erreichen ist, daß er aber dennoch der letzte Sinn des Lebens sei, weshalb dann große Geister sich bemühen, Krankheiten zu heilen, damit Menschen länger leben, aber nur Verrückte nach dem Warum fragen. Man lebt länger, um länger zu leben. Einen anderen Sinn gibt es nicht. Das ist es, was dieser Geist besagt.“ (ZEN; S. 89).

Ist Spiritualität eigentlich etwas Privates? Wir haben uns zur Angewohnheit gemacht, viele Dinge mit uns allein auszumachen. In den Sozialwissenschaften hat man lange einen Rückzug ins Private festgestellt, sicher gekoppelt an die Unzufriedenheit mit dem öffentlichen Bereich – also Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Im Zuge dessen hat das Reden über Weltanschauungen, Religion und ähnlichem sich auch aus der Öffentlichkeit zurück gezogen. Oder? In der letzten Zeit hat es dann eine Trendumkehr gegeben. Das Private wurde öffentlich. Affären von Politikern wurden interessant und jeder hat angefangen, sein Leben in Blogs, Facebook und Co auszubreiten. Gnadenlos, egal wie banal. Fernsehformate, die vor einer Generation noch undenkbar waren und zumindest am Anfang für Empörung gesorgt haben, sind heute schon wieder langweilig (Big Brother z.B.). Wurde anfangs noch geschimpft über den Verstoß gegen die Menschenwürde, regt sich heute kein Mensch mehr darüber auf, dass sich C-Promis öffentlich zum Gespött der Leute machen. Aber der Charakter dieser Öffentlichkeit hat sich gewandelt. War „Öffentlichkeit“ früher etwas politisches, hat der Rückzug ins Private zu einer Entpolitisierung der Gesellschaft geführt.

Die Revitalisierung der Öffentlichkeit hat dann nicht zu einer Repolitisierung geführt sondern den Trend zur Entpolitisierung beschleunigt. Damit einher geht auch die Banalisierung der Spiritualität. Diese wird jetzt nicht mehr als Sinnfrage verstanden sondern nutzbar gemacht. SO ergeben die „Wünsch-Dir-Was“-Mystikbücher wieder einen Sinn. Es geht nicht um Sein, es geht um Haben. Seelenfrieden ist so leider nicht zu erreichen, denn mit wirklicher Spiritualität hat das soviel zu tun wie McDonalds Hamburger mit Haute Cuisine. Und genauso wie billige Hamburger nur kurzfristig die Illusion einer Sättigung verschaffen und den Körper verfetten lassen, schaffen die Eso-Bücher die Illusion einer Spiritualität und lassen die Seele weiter hungern. Selbst zu kochen und selbst zu denken macht eben Arbeit – entlohnt aber dafür auch um ein Vielfaches.

Laotse schreibt: „Ohne aus der Tür zu gehen, kann man die Welt erkennen. Ohne aus dem Fenster zu blicken, kann man des Himmels Sinn erschauen. Je weiter einer hinausgeht, desto weniger wird sein Erkennen“.

Es geht darum, bei sich selbst zu sein, ohne egoistisch zu werden. Es geht darum, Ziele zu haben, ohne gierig zu werden. Es geht darum, diese Ziele für sich anzustreben, nicht um sich zu beweisen. „Wenn man versucht, einen Berg zu besteigen, um zu beweisen, was für ein toller Kerl man ist, schafft man es fast nie. Und wenn, ist es ein Pyrrhussieg. Damit der Sieg nicht verblaßt, muß man immer wieder auf andere Arten seine Tüchtigkeit beweisen, immer und immer und immer wieder, ständig bestrebt, einem falschen Idealbild gerecht zu werden, geplagt von der Angst, daß dieses Bild nicht wahr ist und jemand dahinterkommen könnte. Das hat noch nie zu etwas Gutem geführt.“ (Pirsig, ZEN: S. 222). Die Welt als Bühne taugt nur begrenzt zum Lebensglück. Die Moderne hat hingegen eine überzogene individualistische Sicht hervorgebracht (Eagleton, S. 141). Erst die Liebe zu anderen Menschen (im Sinne der griechischen agape) und die daraus folgenden zwischenmenschlichen Beziehungen aber, lassen uns den Sinn des Lebens erkennen. Liebe und Glück stehen nicht im Widerspruch. Die freie Entfaltung der Fähigkeiten ist ohne Gegenseitigkeit nicht möglich. Und auch Moral, so Eagleton, ist hierfür unabdingbar. Denn die gerechte, mitfühlende Behandlung anderer Menschen ist Voraussetzung für das eigene Wohlergehen. Er bemüht das Bild einer Jazz-Combo: Jeder spielt frei, aber erst das Zusammenspiel macht daraus etwas besonderes.

 

Die Leichtigkeit des Seins – oder das Märchen vom Eiterpickel

Dezember 15th, 2014

Eines Tages entsteht, plötzlich und unerwartet, an der Seite deines Nasenflügels, dort, wo man nicht sofort hinsieht: ein Eiterpickel. Erst klein und unscheinbar. Ein roter Punkt, eine leichte Delle. So nach und nach wächst er zur vollen Reife. Von Tag zu Tag zur vollen Blüte. Gelb, wie ein Rapsfeld in miniature.

Und dann geschieht es – unvermittelt: Der Eiterpickel, im einen Moment ein tumber Klumpen, gelber Masse, denkt. Er entwickelt ein Bewusstsein seiner Selbst – ein Selbstbewusstsein. Zaghaft blinzelt er in die Welt hinaus. Alles fremd, alles unerklärlich. Das lässt ihn staunen, macht ihm angst. Dinge huschen am ihm vorbei, mal sichtbar, mal kaum. Mal ist es unerträglich warm, mal bitterkalt, mal trocken, mal naß, mal hell, mal dunkel.

Mit Unerklärlichkeiten kann ein Eiterpickel freilich nicht leben. Er versucht, all dies zu verstehen. Denn so ist es mit dem Denken: Es will begreifen, was und warum etwas ist. So ist ein Bewusstsein nun mal: Ein neugieriges Ding. Und so beobachtet, analysiert, fühlt, denkt und grübelt er. Den lieben langen Tag und auch des nachts, wenn er wach liegt und nicht schlafen kann.

Schließlich beschließt er, dass alles einen Sinn haben muss. Er ist – also ist alles sinnhaft. Sonst wäre er ja nicht. Wo würde das hinführen, wäre die Existenz sinnlos. Das kann nicht angehen, weil es nicht angehen darf. Allein die Tatsache seiner Existenz ist Beweis genug!

Und so erkennt er den Körper, auf dem er lebt, als seine Basis. Er sieht zwar Deinen Hintern nicht, was vielleicht auch gut ist, aber Nase, Mund und Augen bemerkt er wenigstens in Teilen. Haut und gelegentlich ein herabfallendes Haar. Und dann sind da noch die zwei göttlichen Wesen. Jedes mit fünf Ausprägungen, die mal näher und mal weiter weg sind. Manchmal Schemen, ab und zu jedoch recht sichtbar. Oft in Bewegung. Was diese Zweifaltigkeit da tut? Kaum zu erklären. Der Wesen Weg muss wohl unergründlich sein.

Nach quasi ewiger Existenz – nach deiner Zeitrechnung so drei, vier Tage, mag man meinen, dass alles mit allem zusammenhängt. Er begreift, dass er durch deinen Körper genährt wird und erkennt Regelmäßigkeiten in deinen Abläufen und dem ganzen Drumherum. Wozu das gut sein soll, erschließt sich nicht.

Wenn ER dies erkennen kann, so schlussfolgert er, muss seine Existenz von besonderer Bedeutung sein. Denn wer hätte sonst schon von wichtigerem gehört? Er, der Eiterpickel, ist von besonderer Intelligenz, Auffassungsgabe und Erkenntnisfähigkeit. Auch, dass er erkennt, das er nicht alles erkennt, so die Erkenntnis, ist von Bewandnis. Je länger er sinniert, desto mehr versteht er, dass dies alles nur für ihn geschaffen wurde. ER ist die Krone der Schöpfung. Der Mittelpunkt des Universums. Auch wenn er in (vorgetäuschter) Bescheidenheit neuerdings von Systemen spricht, meint er doch: ICH.

Gerade, als er anfängt, zu überlegen, worin der tiefere Sinn seiner Existenz liegt und ob das Leben wohl ewig währt und was, wenn nicht, danach käme, wird er von dir entdeckt.

Deine sich nähernden Hände, die Zweifaltigkeit mit je fünf Auprägungen, sieht er als Zeichen seiner göttlichen Auserwähltheit.

Im Moment, in dem Du ihn ausdrückst, ist die Frage des ewigen Lebens geklärt. So durchfährt ihn die Frage nach dem Leben nach dem Tod, als du ihn in ein Taschentuch wischst. Dies ist der letzte Gedanke, bevor er das Gurgeln der Toilettenspülung hört, in dem das Taschentuch heruntergespült wird. Das Dunkel des Abflusses wrft noch einmal die Frage nach dem Licht am Ende des Tunnels auf, bevor ewige Ruhe herrscht.

Merke: Nicht jede Erkenntnis ist göttlich. Manches ist auch fürs Klo.

 

Esoterik der Postmoderne – das „ich“ als Schwarmintelligenz

Dezember 15th, 2014

Aus der Hinterfragung des kantschen Konstruktivismus (Die Erfahrungswelt wird aus dem Verstand heraus konstruiert) wurde ein postmodernistisches „Anything goes“. Dies  führt nach meinen Beobachtungen zu „Nobody cares“. Nichts ist offenbar mehr „wirklich“ wichtig. Außer dem eigenen Ego, dem vermeintlich alle Chancen offen zu stehen haben. Und die Grunderkenntnis der Politikwissenschaft ist nicht umsonst: Die Gier des Menschen ist unersättlich. Nie sind wir wirklich zufrieden mit dem Erreichten. Einerseits ist dies positiv: Erfindungen, Fortschritt, Entwicklung basiert auf dieser Gier. Wäre es nicht so, würden wir immer noch auf Bäumen hocken und diskutieren, ob wir wirklich runter sollten. Die Dialektik dieser Sache (quasi die „Kehrseite der Medaille“): Krieg, Ausbeutung und Gewalt kommen auch daher. In diesem Punkt hat das Christentum schon recht: Erkenntnis führt zwangsläufig zur Vertreibung aus dem Paradies. In einer Welt, in der alles möglich, alles erlaubt, nichts wirklich wichtig ist, weil man sowieso nur begrenzte Erkenntnisse haben kann – sprich in einer (un)menschlichen Umgebung kann der Mensch auf Dauer nicht glücklich sein.

Erst die Verbindung von Gefühlen, Rationalität und Ästhetik bringt eine echte Weiterentwicklung. „Von oberflächlichen Gefühlen allein läßt sich nicht leben. Man muß auch mit der inneren Form des Universums arbeiten, den Naturgesetzen, die, richtig verstanden, die Arbeit leichter und Krankheit seltener machen und Hungersnot fast ganz beseitigen können.“ (Zen: S. 309) Aber: „Auch die Leidenschaften, die Emotionen, der affektive Bereich des menschlichen Bewußtseins, sind Teil der natürlichen Ordnung. Der zentrale Teil.“ (S. 310)

Egli, Byrne und Mohr und einige andere bauen auf fehlenden wissenschaftlichen Kenntnissen und frustrierter religiöser Erfahrung ihrer Leser(innen), kombiniert mit der „neuen Unübersichtlichkeit“ und fraglicher moralischer Verankerung. Das Universum wird flux zur Wunscherfüllungsmaschine. Die Erkenntnisse der Positiven Psychologie halte ich durchaus für beachtenswert. Hier gibt es vieles, über das sich nachzudenken lohnt, was jedermann weiterverfolgen sollte, um ein stückweit zufriedener zu werden – durch Selbsterkenntnis. Wer jedoch seinen Lesern weismachen will, dass man nur „richtig wünschen“ müsse, schon würde man alles bekommen können, hat die wahre Botschaft nicht verstanden und missbraucht die Weisheit anderer Lehrer. Statt Bescheidenheit und Demut wird so der grenzenlose Materialismus nur noch geschürt. Spiritualität verkommt so zur Beschaffungsmentalität. Dass sich gegenwärtig Verschwörungstheorien gut verkaufen, wissen wir spätestens seit dem Erfolgen von „Illuminati“ und „DaVinci Code“. Nicht umsonst ist also das Buch von Rhonda Byrne ähnlich gestaltet (vermeintlich vergilbtes Papier und Wachssigel) und es wird von „einem Geheimnis“ der Mächtigen (Freimaurer? Tempelorden?) gesprochen. Und es geht um Smaragdtafeln und Leonardo DaVinci und Einstein!!  Der DaVinci-Code für geistig Arme sozusagen. Aber denen gehört ja laut der Bibel das Himmelreich.

Fraglich, warum die Autorin dies nicht für sich behält und reich und glücklich wird – statt dessen auf den Verkauf des Buches angewiesen ist. Wirklich glaubhaft wäre sie nur, wenn sie VOR dem Buch reich, zufrieden und gesund geworden wäre und das Buch jetzt VERSCHENKEN würde – Verkaufserlöse sind ja mit „Wünsch-Dich-Reich“ überflüssig. Warum erinnert mich das nur an arme Jahrmarktwahrsagerinnen, die für 5 Euro die Lottozahlen vom Samstag voraussagen…. Aber nach Byrne ist es nicht weniger „als das ganze Universum“ (S. 66), dass sich durch den Wunsch einer einzelnen Person in gang setzt. Da kann man nur hoffen, dass sich nicht zwei Personen zur gleichen Zeit das vollständig Gegenteilige wünschen. Nachher verhakt sich noch ein Planet am anderen. „Beanspruchen Sie die Dinge, die sie wollen.“ (S. 66). Auch da hofft man nur, dass sich nicht alle Afrikaner gleichzeitig nach Europa wünschen, oder? Aber ich vergesse dabei selbstverständlich, dass das Zielpublikum ja nicht die afrikanische Stammesälteste sondern die amerikanische Hausfrau ist.

Die Erkenntnis, dass „alles eins“ ist eine alte Idee. Und daher hochaktuell, nicht erst seit Lovelocks „Gaia-Theorie“, die den Planeten Erde als „Gesamtlebewesen“ wahrnimmt, Teilhard de Chardin, der von der Omega-Sphäre, einer Art „höherem Kommunikationsbewusstsein, spricht (und dafür obwohl Mönch, von der katholischen Kirche exkommuniziert wurde), oder der „Weltseele“, die sich in der Literatur immer wieder findet („anima mundi“, geprägt von Platon, weitergeführt u.a. von Giordano Bruno, der wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen landete, aber auch Schelling und Goethe) bis hin zum Pantheismus: “es gebe kein von der Materie und diesem Weltgebäude unterschiedenes göttliches Wesen, und die Natur selbst, d.i. die Gesamtheit der Dinge, sei der einzige und höchste Gott.“ (John Toland, Adeisidaemon, Den Haag: 1709, S. 117). Diese „Gleichsetzung von Gott und Natur“ wurde oft als Atheismus missverstanden, zumeist aber wohl von denjenigen, die eine „Gottesfigur“ brauchten und sich das göttliche in Allem nicht vorzustellen vermochten. Nicht umsonst kritisiert der Vatikan den Pantheismus noch heute. Der Papst wäre ja sonst arbeitslos.

Die Grundidee, dass alles mit allem zusammenhängt, dass Ideen bereits vorhanden sind, findet sich jedoch in der Geistesgeschichte immer und immer wieder. Insbesondere im deutschen Idealismus und hier u.a. bei Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716). Für ihn gibt es „angeborene Ideen“ und eine Verbindung von Geist und Kraft. „Monaden“, die unterschiedlich gestuft existieren (Dietrich Schwanitz nennt sie „spirituelle Atome“), spiegeln das gesamte Universum, wobei alles auf Harmonie – also Ausgleich – ausgerichtet ist, gesteuert durch die Monade, die am höchsten steht – Gott. Daraus ergibt sich für mich eine äußerst spannende Konstellation: Jedes Atom ist mit jedem anderen Atom im Universum verbunden. Man könnte sogar behaupten: Alles Wissen ist potentiell jedem Atom im Kosmos zugänglich.

Es gibt aber auch weitere Konzepte, die erklären, wie und warum alles mit allem zusammenhängt. Interessant in diesem Zusammenhang ist Beispielsweise die Theorie der Schwarmintelligenz, bei der aufgezeigt wird, dass Bienenschwärme, Fischschwärme usw. miteinander kommunizieren, in Verbindung stehen und so insgesamt mehr bilden, als die Summe der Teile und vor allem VIEL mehr, als jedes Individuum. Fischschwärme entkommen so beispielsweise nahezu unbeschadet einem Räuberangriff. Wenn man diese Idee kombiniert mit der Vorstellung, dass alles mit allem in Verbindung steht, kommt man am anderen Ende bei der Frage heraus: WARUM grenzt sich ein Einzelkörper gegenüber seiner Umwelt ab. WOHER weiß der Körper eines Lebewesens, wo er endet und noch weiter: Woher wissen die einzelnen Körperzellen, welche Aufgabe sie zu übernehmen haben. Klar, die oberflächliche Antwort ist: Weil es in der DNA so abgelegt ist. Warum ist das aber so? Positivistische Naturwissenschaftler stellen diese Frage nicht. Es ist so. Und fertig. Kann es aber am Ende nicht sein, dass die Herausbildung einer DNA nicht Ausdruck einer Schwarmintelligenz ist. Das also die Evolution nicht eine Abfolge von beliebigen Zufällen war?

Mit anderen Worten: Bestehe ich in „Wirklichkeit“ aus nichts anderem aus miteinander kommunizierenden Einzelzellen, denen nach einem Bauplan bestimmte Aufgaben zugewiesen werden? Viele glauben, dass sich Krebserkrankungen durch richtiges / falsches Denken beeinflussen lassen und / oder gar hervorgerufen werden. Vielleicht liegt hier eine mögliche Erklärung. Solange die Zellverbünde in „Harmonie“ befindlich sind, sind wir gesund. Sobald diese Harmonie in Disharmonie wechselt, „rebellieren“ einzelne Zellen – denn Krebs ist, wenn ich es richtig verstanden habe, vor allem „unkontrolliertes“ Zellwachstum – also das Ausbrechen einiger aus dem Verbund, wenn man es anders ausdrücken will. Zugegebenermaßen eine „etwas“ spinnerte Vorstellung, aber darüber denke ich jetzt schon geraume Zeit nach – und je länger ich diese These hin und her wende, desto mehr gefallen finde ich daran. Auch im Bezug auf das Bewusstsein gibt es Theorien, die in ähnliche Richtungen weisen. Minsky hat in den 1980 in „Society of Mind“ (dt: Mentopolis) versucht, der Frage nachzugehen, wie Denken und Bewusstsein entstehen und die These aufgestellt, dass das Gehirn und dir dort ablaufenden Prozesse aus einzelnen „Agenten“ mit je eigenen „Bedürfnissen“ bestehen, dass das Gehirn also nicht EIN einziges Organ ist sondern erst in diesem Zusammenspiel funktioniert. Es gibt also verschiedenste Überlegungen, auch „den Menschen“ nicht primär als Einzelindividuum zu begreifen.

Das hat auch Auswirkungen auf die Vorstellung von der Trennung von Körper und Geist. Diese Trennung von Körper und Geist, die ja erst ein „Aussuchen“ des Geistes möglich macht, ist im übrigen eine „Erfindung“ von Descartes (1596 – 1650) (vielmehr war seine Erkenntnis das Ergebnis eines Traums, den er in einem Ofen gehabt haben soll…). Und somit erst seit wenigen hundert Jahren in den Köpfen der Europäer. Die daraus entstandene Dualität und Trennung in Subjekt und Objekt (Cogito ergo sum – Ich denke, also bin ich) ist es, die manche als das „Grundübel“ der europäischen Philosophie ansehen (Robert Pirsig zum Beispiel, aber dazu später mehr).  Damit beginnt die Entzauberung der Welt, ab jetzt stehen sich Subjekt und Objekt gegenüber. Damit wurde die Rationalität begründet. Sie verhindert aber zumindest die vollkommene Identifikation des Selbst mit dem Hier und Jetzt. Die Natur wird zur Maschine, selbst der menschliche Körper gilt plötzlich als „Uhrwerk“. Damit können die Bestandteile voneinander losgelöst betrachtet werden. Entweder durch Überbetonung des Materiellen, des Körpers, wie man das z.B. im Schlankheitswahn und Jugendkult der Gegenwart beobachten kann oder im gegenteiligen falle, der vollständigen Ablehnung alles körperlichen. Diese Denkweise degradiert den Körper im Extremfall zur „Fleischmaschine“ und führt in letzter Konsequenz zu Ende gedacht, zu dem Wunsch, den Geist, das Bewusstsein von der stofflichen Existenz zu lösen und unsterblich zu machen. Ein Beispiel hierfür sind die US-amerikanischen Wissenschaftler, die tatsächlich versuchen, ihr Bewusstsein in Computersysteme einzuspeisen – also „künstliche“ Intelligenz zu schaffen, in dem „sie selbst“ als Binärcode weiterexistieren. Wann immer man einen „Beweis“ dafür sucht, dass der Glaube an Wiedergeburt nichts anderes ist als Weltflucht: Hier ist das perfekte Beispiel.

Pirsig schreibt, dass nicht der Mensch die Religion sondern die Religion den Menschen geschaffen hat. Ich würde es eher als ein Wechselspiel ansehen. Der bewusste Mensch fragt sich immer nach dem Warum, nach dem Sinn, sucht Erklärungen nach Herkunft und der Frage, was danach kommt. Die banale Antwort, dass der Kreislauf des Lebens allein zum Selbstzweck da ist und perfekt funktioniert, dass es keinen höheren Sinn als das perfekte Funktionieren geben muss, reicht den meisten nicht aus. Daher haben sie die Religion erfunden, in dem verschiedene Erklärungsmuster und Beobachtungen zu einem mehr oder minder (zu diesem Zeitpunkt) schlüssigen, Erklärungsmodell zusammengeworfen werden. Insofern „erfand“ der Mensch die Religion. Pirsig hat aber insofern recht, dass es dabei ja nicht bleibt. Einmal ausgesprochen und/oder aufgeschrieben, hat die Religion sofort konstruktivistische Relevanz für die Existenz des menschlichen Geistes. Religion wird zu Wahrheit und Wirklichkeit. Hierfür wurden Kriege geführt, Menschen auf dem Scheiterhaufen verbrannt, Verhütung zur Sünde erklärt – aber viel banaler, Regeln für die Lebensführung aufgestellt. Ab sofort war dieses „richtig“ und gut und jenes „falsch“ und böse. Und am Ende beeinflusst die Religion die Vorstellung des Menschen von der Welt. Dadurch wird Kultur, Kunst und Medien beeinflusst und die wiederum determinieren unser Denken. Um auch hier wieder ein Beispiel zu nennen: Matrix. Diese Spielfilmreihe ist ohne den Erlösergedanken (Neo als Messias) nicht vorstellbar. Aber auch die Trennung von Körper und Geist und die Idee der „Fleischmaschine“ findet sich hier wieder. Durch die Popularität dieser Filme wiederum wurden die religiösen Vorstellungen einer ganzen Generation (wieder-)geprägt. Religion prägt das (kulturelle) Denken, das Denken prägt die Kultur (Medien), die Medien prägen unser Denken.

Die Trennung von Subjekt und Objekt, also auch von Körper und Geist ist die Grundlage der Logik und findet sich vermeintlich erstmals in der frühzeitlichen griechischen Grammatik. Alle darauf aufbauenden Kulturen übernahmen dies und hier ist einer der Hauptunterschiede zur chinesischen Philosophie zu sehen (Pirsig, S. 371). Wenn aber Erleuchtung heißt, sich der Ungeteiltheit von Sein und Wahrnehmung bewusst zu sein, kann Logik und Rationalität nicht die letzte Wahrheit sein (Vgl. ZEN: S. 150). Wenn diese Trennung eine Illusion ist, ist es die auf Logik basierende „Wahrheit“ auch. Problematisch wird es aber, wenn wir uns „Wahrheiten“ vergegenwärtigen, die existieren bzw. von deren Existenz wir unzweifelhaft ausgehen.

Die moderne Auffassung der Physik (zumindest einiger Wissenschaftler) schafft Anerkennung für diese „alten“ Ideen. Wurden zunächst Raum und Zeit relativ, bei gleichzeitiger totaler Hinterfragung des Zeitbegriffs. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die „Philosophie“, die hinter der Physik der Zeit steckt zu erläutern. Dem interessierten Leser sei hierzu u.a. Stephen Hawkings „Kleine Geschichte der Zeit“ empfohlen und der Hinweis erlaubt, dass Einstein wohl Pantheist war. Als eher populärwissenschaftlich gehaltenes Werk ist Hawkings Buch recht einfach zu verstehen.

Im weiteren Verlauf wurden immer mehr „Sicherheiten“ über Bord geworfen. Je tiefer man in die Physik der Teilchen, die offenbar gar keine sind, einsteigt, um mystischer wird unsere Welt. In der Erkenntnis, dass, was wir für (feste) Teilchen gehalten haben, in Wirklichkeit Wellen sind (und umgekehrt) und der Tatsache, dass wir die Vorgänge nicht beobachten können, ohne das zu beobachtende zu beeinflussen (Heisenbergsche Unschärferelation), gleichzeitig stellt die Physik Interaktionen in der subatomaren Ebene fest. Die Relativitätstheorie zeigt weiterhin, dass Elemente sowohl Teilchen als auch Welle sein können. Hier an die chinesische Philosophie und den Yin und Yang Eigenschaften zu denken, ist naheliegend.

Und weiter:  „Teilchen bestehen nicht aus Unterpartikeln, sondern sind Energiebündel eines vier-dimensionalen Denkgebildes. Das heißt aber auch gleichzeitig: Teilchen sind örtliche Verdichtungen des Feldes, eine Konzentration von Energie, die kommt und geht. Sie sind keine Individuen, denn sie lösen sich im zugrundeliegenden Feld wieder auf. Diese Tatsache führt uns zu einem weiteren widersprüchlichen Begriffspaar: zur Existenz und Nichtexistenz, das zusammengehört. In der Quanten-Feldtheorie ist die Grenze zwischen den Partikeln und dem umgebenden Raum unscharf.“ (Schulz, S. 3). Diese „ganzheitliche“ Sicht der Dinge findet sich insbesondere bei dem Physiker Fritjof Capra, der als einer der ersten Taoismus und Naturwissenschaft nicht als Gegensatz sondern Ergänzung gesehen hat („Das Tao der Physik“). Es ist derzeit sehr interessant zu beobachten, dass je weiter die Naturwissenschaften schreiten, es unter den Wissenschaftlern eine Re-Spiritualisierung gibt. Selbstverständlich nicht bei allen, doch es werden immer mehr. Je mehr Zusammenhänge wir verstehen, je mehr Fragen wir aufwerfen, desto mehr Raum entsteht offenbar für das allumfassende Prinzip, wie immer man es persönlich auch nennen mag. Auch Pirsig erklärt so, die Weitergabe des Weltwissens im „gewaltigen Organismus allgemeinen Wissens, der unsere Geistseelen zu einem ganzen vereint, so wie die Zellen im menschlichen Körper ein Ganzes bilden.“ (Zen: S. 371). Dies führe dazu, dass die Gesamtheit der früh- und vorgeschichtlichen Mythen mit der Geburt weitergegeben werden.

Die Interpretation, die einige Esoteriker hierzu aber abliefern, ist allenfalls banal, was sehr schade ist, denn HIER hätte man wesentlich tiefer gehende Erkenntnisse ziehen können, schließlich begründet sich die gesamte Strömung des Pantheismus hierauf. Denn, dass daraus die „Totale Kommunikation“ erfolgt und ich durch Schwingungen mit dem Universum kommunizieren kann, ist vorsichtig ausgedrückt, eine unreflektierte anthropozentrische Perspektive. Woher nimmt man die Arroganz, sich so wichtig zu nehmen? Kosmos ist Überfluss, Gesundheit und Glück? Vermutlich hat er noch nie etwas von Entropie gelesen? Außer dem Marketingargument, dass sich Bücher besser verkaufen, die Glücksseligkeit versprechen, fällt mir dafür kein Argument ein.

„Dass der Kosmos ein atmendes Ganzes sei, klingt für uns esoterisch. Für die Chinesen ist es ein Lebensgefühl, dass kosmische Wechselwirkung alles, was in der Welt geschieht, bedingt und in Bewegung hält. Ausatmen und Einatmen, weiblich-männlich, Yin und Yang, sagt man in China, sind wie unsere beiden Hände einander zugeordnet, wie die rechte meiner linken Hand.“ (Weltreligionen, 2008, S. 22). Und weiter:

„Das Universum der Astrophysiker funktioniert tatsächlich auf Tao-Art, in einem wechselwirkenden Prozess seiner Bestandteile, die ihre Balance ständig neu einpendeln müssen.“ (ebd.).

Ich mache keinen Hehl daraus, dass für mich der Taoismus die einzige Verbindung von Religion und Philosophie ist, die auch modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht nur Stand hält sondern diese unterstreicht. Sämtlich Esoterik halte ich daher für einen überflüssigen und mithin vergeblichen Versuch, das Rad neu zu erfinden. (Gleichzeitig bin ich zu demütig vor dieser Weisheit, als das ich die Unverfrorenheit besäße, mich selbst als Taoisten zu bezeichnen).

„Qualität ist der ständige, aus unserer Umgebung auf uns einwirkende Reiz, die Welt zu erschaffen, in der wir leben. […] Nun ist es offenkundig ein Ding der Unmöglichkeit, das, was uns veranlaßt hat, die Welt zu erschaffen, in diese Welt einzubeziehen. Deshalb kann man Qualität nicht definieren.“ (Pirsig, ZEN: S. 265). Später erkennt Pirsig, dass man seine Gedanken, die er so mühsam erarbeitet hatte über ein wissenschaftliches Studium, über Philosophiestudien, über Lehr- und Lebenserfahrung und unendliches Nachdenken, bereits im Tao Te King wiederfinden lassen. Dass man „nur“ den Begriff Tao mit dem Begriff Qualität austauschen musste, und schon passte alles zusammen (S. 266 f.). Eine spirituelle „Erleuchtung“, wenn man so will. Die Erkenntnis, dass dem Leben und dem Universum offenbar ein erkennbares Prinzip zugrunde liegt. „An diesem Buch war nichts vage oder ungenau. Es war so präzise und bestimmt, wie man es sich nur wünschen konnte.“ (S. 268). „Nicht eine Diskrepanz. Was er die ganze Zeit als Qualität bezeichnet hatte, war hier das Tao, abendländischer, vergangener und gegenwärtiger, aller Erkenntnis, aller Dinge.“ (S. 268).